Hillary und das Heilige Schwert

Fünfzehn großformatige Gemälde sollten die Macht  der neuen Verfassung Ungarns in Bilder fassen. Doch die Regierungs-PR geriet zur Farce, Hunderttausende machen sich über sie lustig. Jetzt wurde das erste Kunstwerk klammheimlich ausgetauscht.

30.1.2012 – Würdevoll rammt der Erzkönig die Spitze seines blanken Schwertes in die unbefleckte Bulle: Die Macht der Waffe des mystischen Reichsgründers, Missionars und Nationalheiligen Stefan I, der 1001 anno domini das Tausendjährige Reich der Magyaren begründete, sollte auf die neue Verfassung Ungarns übergehen, ihr historisches Gewicht verleihen.

Doch einer halben Million Protestschreiben war der sagenhafte Monarch nicht gewachsen. Vergangene Woche wurde er aus jener Ausstellung gespült, die zu Jahresbeginn feierlich von Ministerpräsident Viktor Orbán eingeweiht worden war und seither für Hohn und Spott in der Bevölkerung sorgt. Stefans stumpfes Schwert weicht einem Getümmel heidnischer Figuren. Der Maler Iván Szkok hat sein Bild in einer eiligen Aktion eigenhändig und ziemlich unbemerkt ausgewechselt.

Der ungarische Maler Iván Szkok tauscht sein Gemälde aus. Bild: M. Rosefeldt

„Hillary Clinton und Herr Sarkozy haben mich ausdrücklich gebeten, dieses Bild wegen des Schwertes auszutauschen“, so Szkok vergangene Woche, als ihm ein deutsches Fernsehteam auf die Spur gekommen war, und ergänzt: „Nicht persönlich, sondern durch die Presse.“ Die politische Atmosphäre habe sich vollkommen verändert, Anfeindungen und politischer Druck hätten ihm massiv zugesetzt. Er hoffe, es werde sich nun eine halbe Million Menschen für sein neues Werk begeistern.

Sein neues Werk, das dem alten freilich sehr ähnlich sieht, ist eine Fortschreibung der fabula gladii. Das Schwert habe, so sagt Szkok, eine symbolische Bedeutung, weil es zur Zeit des Heiligen Stefan die militärische Spitzentechnologie darstellte. Heute sei Ungarn in der Kriegstechnologie nicht mehr vorne, aber „wir haben eine Waffe, die der Rost nicht angreift und die aus solch hartem Stahl gefertigt ist, dass sie sich niemals abnutzt – das ist die ungarische Kultur, die Kunst, die Wissenschaft und die Politik.“, so Szkok.

Deshalb hat er wahllos Gesichter zusammengewürfelt, die er für würdig befand, diese unbezwingbare Waffe wie eine Phalanx gegen den Rest der kulturlosen Welt zu formen – darunter die üblichen Helden der Nation, Dichter und Denker, aber auch József Antall, erster Ministerpräsident Ungarns nach der Wende, dessen Partei bald darauf in der heute regierenden Fidesz aufging sowie eine kleine Schar gesichtsloser Abgeordneter. Szkok: „Man hat mich gebeten, die Volksvertreter ohne Gesichter darzustellen.“

Das Heilige Schwert des Erzkönigs Stefan störte Hillary Clinton bei der Geburt der Verfassung

Das Schwert sei in der weltweiten Hysterie gegen das Grundgesetz ohnehin missverstanden worden. „Die ungarische Verfassung ist nicht wegen mir ins Blickfeld des Interesses gerückt“ sagt der 68jährige ungarische Künstler und holt aus: Die Ausstellung sei aus vier Gründen attackiert worden: „Der Hauptteil der weltweiten Süßwasservorkommen liegt hier im Karpatenbecken in Ungarn. Wenn das nicht so wäre, wäre diese Ausstellung uninteressant. Die Meeresspiegel steigen, die Wüste greift von Süden her an“, der demografische Wandel aus dem arabisch-palästinensischen Raum drohe wie ein Tsunami, bedrohe auch Ungarn, und schließlich mache sich das Verhältnis von China zu Amerika auch hier bemerkbar. Ganz schlau wird man aus Szkoks Einlassung nicht.

Die ungarische Regierung hatte im vergangenen Jahr fünfzehn Kunstwerke in Auftrag gegeben, um die in Leder gebundene Schmuckausgabe der neuen Verfassung zu illustrieren. Sie sollten die Geschichte der letzten 150 Jahre fassen, die der Kurator und  Fidesz-Politiker Imre Kerényi allerdings recht freizügig auslegte. So stehen neben den Weltkriegen, der Schmach von Trianon und dem Zeitalter des Dualismus auch Bilder zur Rotschlammkatastrophe von 2010 und zu den gewalttätigen Demonstrationen von 2006, die als Reitersturm in den Sprachschatz der Ungarn eingingen. Die gedruckte Schmuckausgabe mit den fünfzehn Gemälden, darunter auch Szkoks ausrangierter Schwertepos, habe sich angeblich bereits über Tausend mal verkauft.

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