Summa cum Laude für Copy and Paste

Nur 18 von insgesamt 215 Seiten seiner Doktorarbeit sind die eigene geistige Leistung des ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt. Einige Passagen der Arbeit wurden von einem deutschen Soziologieprofessor abgekupfert, fand das Onlineportal hvg.hu heraus. Nun hat auch Ungarn seine Plagiatsaffäre. 

20.1.2012 – Der bulgarische Sportfunktionär Nikolaj Georgiev ist zwar schon seit 2005 tot, doch sein Werk wird nicht vergessen werden. Die 1987 datierte, 465 Seiten umfassende Doktorarbeit Giorgievs mit dem Titel Analyse du Programme Olympique diente dem heutigen Staatspräsidenten Ungarns, Pál Schmitt, als goldene Fundgrube für seine eigene Dissertation. Und so übernahm er ganze 180 Seiten am Stück, ohne die Quelle zu nennen.

Die Übersetzung geriet holprig, stellenweise falsch und sinnentstellend, doch nach den Recherchen des Onlineportals hvg.hu ist die Quelle eindeutig dem bulgarischen Autor zuzuordnen. Zudem sei die Arbeit derart voller Rechtschreibfehler und bar jeder Fußnoten und Quellenverweise, dass auch Schmitts damaliger Doktorvater István Kertész eine gedruckte Veröffentlichung ablehnte. Schließlich einigte man sich darauf, die Minimalforderungen seien erfüllt – kein Wunder, waren doch vier der fünf Prüfer Mitglieder des ungarischen Nationalen Olympischen Komitees und Schmitt dessen Präsident. Schmitt erhielt den Doktortitel summa cum laude.

Heute will sich Kertész nicht mehr daran erinnern. Es sei eine Ehre für ihn gewesen, einen doppelten Olympiasieger im Prüfungsausschuss bewerten zu dürfen. Sein „bürgerliches Gewissen“ sträube sich heute gegen die „politisch motivierten Attacken“ gegen seinen ehemaligen Doktorschüler. Wie in den jüngsten Fällen in Deutschland wies auch das ungarische Staatsoberhaupt zunächst jeden Plagiatsverdacht „aufs entschiedenste“ zurück, um nur wenige Tage später einzuräumen, er habe die 180 Seiten zwar übernommen, jedoch die Schlussfolgerungen neu verfasst. Dies, so Schmitt, sei die eigentliche geistige Leistung der Dissertation, und die sei ausschließlich von ihm.

Heinemanns Aufsatz in ungarischer Sprache: Wörtlich übersetzt, aber ohne Quellenangabe. Bild: hvg.hu

Nun stellte sich heraus, dass auch das unwahr ist. Mindestens 17 der verbleibenden 35 locker beschrieben Seiten von Schmitts Dissertation stammen wortwörtlich aus einem Beitrag des deutschen Soziologen Klaus Heinemann. Der heute 75jährige Heinemann war bis 2002 Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg und veröffentlichte 1991 einen Aufsatz zum Thema The Economics of Sport– eine wahre Fundgrube für den Doktoranden Schmitt, der acht von neun eng beschriebenen  Seiten daraus wortgetreu übersetzte und in sein Werk einfügte – copy and paste in Zeiten der guten, alten Schreibmaschine.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe sollte die nur in wenigen Exemplaren vorliegende Arbeit Schmitts unter Verschluss bleiben, weil beim Lesen die Persönlichkeitsrechte des Autors verletzt würden, so die Universität in einer ersten Stellungnahme, die man aber umgehend zurücknehmen musste. So konnte ein Journalist des Onlineportals persönlich in Augenschein nehmen, was seit zwanzig Jahren im Geheimen schlummerte.

Ungarns Staatspräsident Pál Schmitt ist von Beruf Degenfechter und gewann in Mexiko 1968 und München 1972 die Goldmedaille im Mannschaftswettbewerb sowie den WM-Titel 1970 und 1971 im Einzelfechten. Ab 1983 stand er in den Diensten des Nationalen Olympischen Komitees und lehrte an der Budapester Sportuniversität. Nach der politischen Wende arbeitete er als Botschafter in Madrid und Bern, ehe er sich der Fidesz-Partei von Viktor Orbán anschloss und für das Europaparlament kandidierte.

Zu einem Mandat kam es schließlich nicht, weil Ministerpräsident Viktor Orbán ihn als Idealbesetzung für das höchste Amt im Staat erkannte und mit seiner Parlamentsmehrheit zum Staatsoberhaupt wählte. Schmitt unterschrieb fortan jedes Gesetz vorbehaltlos und verhalf dem politischen Rechtsruck der Fidesz-Regierung zum schnellen Erfolg. Kein ungarischer Staatspräsident hat die politische Debatte bislang derart unkritisch begleitet und so willig gefördert wie der ehemalige Degenfechter.

Korrektive Doktorspiele am 'Tisch der Verfassung'.

Inzwischen stellen sich viele Ungarn die Frage, ob die zahllosen von ihm unterschriebenen Gesetze überhaupt gültig seien – denn sie sind alle mit Dr. Schmitt Pál signiert. Aus Protest gegen das nationalistisch motivierte, neue Grundgesetz strichen Aktivisten vielerorts den Doktortitel aus den Leseexemplaren am ‚Tisch der Verfassung‘. Das Internet ist voller Häme, Intellektuelle und die parlamentarische Opposition fordern sein Abdanken.

Bislang prallen alle Rücktrittsforderungen am Staatsoberhaupt ab – Vorbilder muss er nicht lange suchen. Dabei ist Schmitt zu einer tragikomischen Figur geworden, von dem die Öffentlichkeit seine tollpatschigen Reden und katastrophale Orthografie in Erinnerung behalten wird. Noch wird er gebraucht, um die Flut neuer Gesetze willenlos gegenzuzeichnen. Aber es ist fraglich, wie lange der Staatsmann von Viktor Orbáns Gnaden, der ein Präsident der Herzen sein wollte, im Amt bleibt.

 

UPDATE 25.1.2012:

Tóth Miklós, Dekan des Fachbereichs Sport der Semmelweis Universität in Budapest, hat heute einen Untersuchungsausschuss zur Prüfung der Doktorarbeit des ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt einberufen. Der Ausschuss besteht nach seinen Worten aus fünf Personen und soll seinen unverbindlichen Bericht am 28. März vorlegen. Die Namen der Beteiligten wurden nicht veröffentlicht.

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