Telekom ächtet kritischen TV-Sender

Mit einer Programmplatzänderung hat die zur Deutschen Telekom gehörende ungarische T-Home den einzigen regierungskritischen TV-Sender Ungarns auf einen hinteren Platz in ihrem Kabelangebot verbannt. Den so freigewordenen vorderen Platz belegt ein neuer Kanal, der Reden von Ministerpräsident Viktor Orbán ausstrahlen wird.

10.1.2012 – Einer der führenden TV-Kabelnetzanbieter Ungarns, die zur Deutschen Telekom gehörende T-Home Magyarország, hat in der vergangenen Woche ihr Programmangebot geändert. So werden künftig  CNN gegen BBCW und History-Channel gegen den Pornokanal Dorcel ausgetauscht, während TV5, SAT1 und Euronews verschwinden.

Dafür wird T-Home einen neuen Sender in alle Kabelbouquets aufnehmen, der bislang nicht viel mehr als Eigentrailer und Archivaufnahmen senden kann. Das unter dem Logo P+ operierende Parlament-TV ist ein im Herbst vergangenen Jahres gegründeter und von der Medienaufsichtsbehörde NMHH eilends lizenzierter Fernsehkanal mit prominenten Gründervätern aus dem Umfeld des ungarischen Ministerpräsidenten.

Gábor Bálintfy, Baulöwe und einer der reichsten Ungarn, sein Schwiegersohn Alex Pocsai und der Fidesz-Mann György Csóti haben bereits 2002 gemeinsam den rechtskonservativen Nachrichtensender Hír-TV gegründet und wollen nun mit P+ den Fernsehmarkt weiter vereinnahmen. Ihr Vorhaben, exklusiv aus dem Parlament zu berichten und damit den Zugang anderer Sender zu den Debatten zu versperren ist vorerst am geltenden Gesetz gescheitert. Doch eine einfache Gesetzesinitiative der Regierung könnte dies bald ändern.

Inzwischen ist Csóti als Fidesz- Abgeordneter ins Parlament nachgerückt. Zuvor erläuterte er während einer Konferenz die Ziele und Inhalte seines neuen Senders. Dieser werde, so Csóti, neben der Parlamentsberichterstattung aus Budapest und Brüssel „organisch eingefügte Beiträge“ zeigen, die von der „Heimatliebe, dem Ungarntum und dem Vaterland berichten“. Darüber hinaus sollen regelmäßig Reden von Ministerpräsident Viktor Orbán ausgestrahlt werden.

Der Kanal P+ will dem ungarischen Medieneinerlei die Krone aufsetzen

Die Medienbehörde erhob den privat finanzierten Parlamentssender sogleich in den Rang eines Mediums von öffentlichem Interesse und erzwang damit de facto die Aufnahme in das Kabelnetz von T-Home mit rund 770.000 Abonnenten. Der etwas größere Anbieter UPC wird wohl demnächst nachziehen. Insgesamt gibt es in Ungarn 2,8 Mio Kabel-TV Kunden. Zugleich ist P+ von Lizenzgebühren an die NMHH ausgenommen, darf aber dennoch die geschätzten 1,1 Milliarden Forint [3,5 Mio €] jährlicher Kabelerlöse behalten, die dem Sender für 2012 zustehen.

Verlierer der Kanal-Rochade ist der private ungarische Fernsehsender ATV, der vielen Ungarn als die letzte Bastion im ansonsten gleichgeschalteten Fernseheinerlei erscheint. Der kleine, reichweitenstarke Sender wurde von Kanalplatz C9 der Programmliste auf Platz S17 verbannt und muss nun von allen Zuschauern neu gefunden und einprogrammiert werden. Wer ATV nicht neu einrichtet, wird in Zukunft automatisch das Parlamentsfernsehen empfangen. Bei älteren Analoggeräten ist Programmplatz 17 gar nicht vorhanden, ATV mithin nicht mehr empfangbar. Die übrigen Kanäle, etwa Erotica-TV und die  rechtskonservativen Hír-TV und Echo TV bleiben auf ihren angestammten Programmplätzen.

ATV ist in Ungarn nicht unumstritten. Der kurz nach der Wende gegründete Privatsender wurde über lange Zeit von den regierenden Sozialisten protegiert, ehe er 2003 mehrheitlich von der Glaubensgemeinschaft der Pfingstbewegung übernommen wurde. Insbesondere deren Anführer Sándor Németh, dessen Sohn Chefredakteur bei ATV ist, bleibt eine undurchsichtige Figur. Jüngst lobte er überschwänglich die Politik der aktuellen Regierung – möglicherweise aus Dankbarkeit dafür, dass seine kleine Kirche in den Kreis der 14 anerkannten, mithin geförderten und privilegierten Glaubensgemeinschaften Ungarns aufgenommen wurde.

Trotz dieser obskuren Konstellation ist ATV der einzige TV-Sender in Ungarn, der die Politik der Regierung kritisch begleitet. Seitdem die öffentlich-rechtlichen Kanäle zusammengeschlossen, die großen privaten Sender mit Auflagen und Strafen übersät und die regierungstreuen kleinen Sender mit großen Werbebudgets verwöhnt werden, ist nicht nur der Nachrichtenanteil im TV drastisch gesunken, sondern auch dessen Qualität. ATV hat sich gegen diesen Trend eine Nische geschaffen und mit Formaten wie Egyenes Beszéd, etwa Klare Ansage, einen Namen gemacht.

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2 Responses to Telekom ächtet kritischen TV-Sender

  1. Michael Bechtel sagt:

    Sehr gute Infos, habe ich gleich über Twitter, Facebook und Google+ wewierverbreitet. Vielen Dank

  2. Pingback: Verbalissimo-Blog » Blog Archive » Ungarische Demokratur

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