TV-Interview mit Wolke

7.12.2011 – Ein erneuter Fall von Nachrichtenfälschung im Ungarischen Fernsehen demonstriert die desolate Stimmung im staatlichen Medienapparat. Aus Ungewissheit und Angst führen die Redakteure jede Direktive aus – auch weit über den Plansoll. 

An einem frühlingshaften Tag, dem ersten Mittwoch im Mai 1920, fing der sowjetischer Fotograf Gregori Goldstein einen historischen Augenblick ein. Auf dem Swerdlowsk-Platz in Moskau beschwört Lenin die Truppen der Roten Armee mit großen körperlichen Gesten, während ihr Gründer, Leo Trotzki, lässig neben ihm steht und in die Menge blickt. Ein perfektes Propagandabild, das aber keine zehn Jahre überdauerte. Kaum war Stalin an der Macht, wurde Trotzki, und mit ihm Lenins alter Weggefährte Lew Kamenew, aus dem Bild entfernt. Aus den beiden Urvätern der Revolution wurde eine schlichte Bretterwand.

Im Ungarischen Fernsehen erlebt diese verblüffend einfache Technik eine bizarre Renaissance. Vergangenen Samstagabend wurde in den Hauptnachrichten des öffentlich-rechtlichen Senders Duna-TV  eine Person im Hintergrund elektronisch verwischt, den die Zuschauer offenbar nicht sehen sollten. Es handelte sich um den ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Gerichts, Zoltán Lomnici, der, kaum erkennbar, hinter dem Interviewten László Tőkés stand und plauderte.

Beide waren bei einer Tagung der Siebenbürgischen Landsmannschaften, um für die doppelte Staatsbürgerschaft zu werben – das Lieblingsthema der nationalistischen Politik von Ministerpräsident Viktor Orbán. Der Vizepräsident des Europäischen Parlaments Tőkés war als Vertreter der rechten Minderheitenpartei UDMR anwesend, die völlige Autonomie für die in Rumänien lebenden Ungarn fordert. Und Lomnici sprach in seiner Funktion als Vorsitzender des Rates für Menschenwürde. Die beiden kennen und duzen sich.

Interview mit Wolke: Der unerwünschte Zoltán Lomnici wurde wegretuschiert.

Als der Reporter des ungarischen Fernsehens sein Interview mit Tőkés arrangierte, bat er darum, Lomnici möge sich aus dem Hintergrund entfernen – was beiden Herren unpassend und seltsam erschien. Das Interview wurde trotzdem gedreht und Lomnici später, beim Schnitt des Materials, unkenntlich gemacht. Die dabei verwendete Technik des Bluring verwenden Sender ansonsten dafür, um Gesichter von Straftätern oder anonymen Informanten zu vertuschen.

Derselbe Beitrag wurde für Online 'gereinigt'. Lomnici steht nun im Hintergrund.

Der Bericht ging am Samstagabend um 18 Uhr in den Hauptnachrichten von Duna-TV auf Sendung und wurde in den Hauptnachrichten von M1 um halb acht wiederholt. Und dann wurde die Bildfälschung wieder zurückgefälscht und für das Onlinearchiv der Sender gesäubert, um die ausgestrahlte Retusche nicht für alle Ewigkeit abzuspeichern. Leider wurde das Senderlogo dabei vergessen, was die Sache schließlich auffliegen ließ. Heute stellte sich heraus, dass auch das Masterband der Sendung gelöscht wurde, um alle Spuren der Aktion zu verwischen.

Warum aber störte der ehemalige Richter im Bild? Lomnici wurde zwar während der Vorgängerregierung ernannt und später vom konservativen Staatspräsidenten László Solyom mit den Worten verabschiedet, dass nun endlich die Ära Lomnici zu Ende sei. Doch der oberste Zivilrichter Ungarns ist stets als gemäßigter, eher konservativer Fachmann aufgetreten, jüngst gar als Kritiker der Milla-Demonstration im Oktober 2011.

Nach Insiderinformationen steht Richter Lomnici bei der staatlichen Nachrichtenagentur MTI auf einer schwarzen Liste von unerwünschten Personen, die weder interviewt werden dürfen noch in einem der elf öffentlich-rechtlichen Programme des Landes auftreten sollen. Diese Direktive wurde vom Redakteur des Beitrags offenbar so verstanden, dass Lomnici überhaupt nicht sichtbar sein dürfe, woraufhin er ihn einfach übermalte. Ob er auf direkte Anweisung  seiner Chefredaktion handelte, ist unklar.

Heute wurde eine Prüfungskommission bei der Zentralredaktion MTVA eingerichtet, die den peinlichen Vorfall untersuchen soll. Die Sache ist schwerwiegend, verletzt sie doch Rechtsvorschriften des Mediengesetzes wie auch die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen. Daher hat man einen kompetenten Mann für die Aufarbeitung des Skandals gewählt: Dániel Papp, der vor einem halben Jahr selbst eine spektakuläre Fälschung herstellte und daraufhin zum Chefredakteur für Nachrichten und Aktuelles befördert wurde. In seinem Ressort wurde auch der aktuelle Beitrag erschaffen.

[Mehr zu Dániel Papp: http://stargarten.wordpress.com/2011/04/22/nachrichtenfalscher-wird-nachrichtenchef und http://stargarten.wordpress.com/2011/08/23/sind-sie-nicht-der-dani-papp]

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Das berühmte Lenin-Foto mit und ohne Trotzki:

Das Original: Lenin spricht, Trotzki und Kamenew schauen in die Menge.

Stalins retuschierte Fassung: Aus den Revolutionären wurde eine Bretterwand.

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